Perspektivenwechsel

Da dieser Text eine Parodie ist, die sich gegen Diskriminierung richtet und ich in den Artikeln und Posts, die mich zu diesem Text inspiriert haben, keine gendersensiblen Anreden und Bezeichnungen entdecken konnte, habe ich mich aus stilistischen Gründen gegen eine gendersensible Ausdrucksweise entschieden. Dennoch sind Frauen natürlich ausdrücklich im gleichen Maße wie Männer angesprochen.

Dieses satirische Gedankenexperiment ist anlässlich des World Autism Awareness Month entstanden und geht der Frage nach, wie die Welt wohl aussähe, wenn das Verhältnis zwischen Autist*innen und neurotypischen Menschen umgekehrt wäre.

Anbei noch ein paar Begriffserklärungen:

„Allismus“ bezeichnet hier die neurotypische Art der Wahrnehmung bzw. das Neurotypisch-Sein; sozusagen der Gegenbegriff zu „Autismus“. Ich habe es vom Adjektiv „allistisch“ bzw. „allistic“ im Englischen abgeleitet (falls der Begriff noch in anderen Zusammenhängen existiert, distanziere ich mich hiermit von selbigen): 

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Neurotypisch

„Ableismus“ bedeutet Diskriminierung gegen behinderte Menschen, indem diese auf ihre Einschränkungen reduziert und abgewertet werden.

Asis“ dient hier als verniedlichende Abkürzung der „leicht betroffenen Allisten, die einfach nur irgendwie komisch sind“, analog zum Vorurteil gegenüber den Autist*innen, die vor der Einführung des Autismus-Spektrums mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert wurden.

„Guten Tag, wie geht es Ihnen“, sagt Frederik und streckt unserer Teamkollegin Merle die Hand entgegen. Die 24- Jährige stutzt kurz, ergreift sie aber bereitwillig, während sie seine Frage trotz des gestrigen Ablebens ihrer Katze mit „Gut, danke, und dir“ beantwortet. Schließlich wurde sie in mehreren Schulungen intensiv auf solche Begegnungen vorbereitet.

Der extrovertierte Frederik ist ein besonderes Kind: Er leidet an einer schweren seelischen Behinderung, die seine kommunikativen Fähigkeiten stark einschränkt.

Zunächst habe er sich seiner Mutter Daniela zufolge normal entwickelt, doch als er das Kindergartenalter erreichte, begann sie zu vermuten, dass mit ihrem Sohn irgendetwas nicht stimmte. „Während andere Kinder sich mit Kreiseln und Bauklötzen beschäftigten, ging Frederik herum und versuchte, sie anzusprechen“, berichtete die Alleinerziehende. „Wenn sie nicht in seine Richtung sahen, ging er scheinbar davon aus, dass sie ihm nicht zuhörten, und ging weg.“

Auch seine ungewöhnliche Ausdrucksweise war ihr schon früh aufgefallen. Wo andere Kinder ohne Umschweife sagten, was sie dachten und direkt um etwas baten, hatte der Junge schon früh Probleme mit klarer und eindeutiger Kommunikation. So fragte er regelmäßig die übrigen Familienmitglieder am Essenstisch bezüglich ihrer motorischen und zielgerichteten Fähigkeiten ab, doch mit den Antworten war er nie zufrieden. Erst nach zahllosen Wutanfällen seinerseits stellte sich heraus, dass er keine direkten Bitten formulieren konnte und stattdessen fragte, ob man imstande sei, dieses oder jenes zu tun. In Wirklichkeit ging es allerdings nicht um die theoretischen Fähigkeiten seiner Familie, sondern um ihre praktische Umsetzung. Darauf angesprochen, unterstellte Frederik seiner älteren Schwester und seiner Mutter dann, mindestens einen Fuß stehenderweise auf einem flexiblen, langen Hohlkörper platziert zu haben – was sich als unwahr herausstellte. Erst nach ausgiebigen Recherchen fanden seine Angehörigen heraus, dass sich der Junge darüber beklagt hatte, dass man ihn nicht verstand.

Nach diesem belastenden Ereignis begann schließlich die Suche nach einer Ursache für das Verhalten ihres jüngsten Kindes. Jahrelang stellte sich Daniela mit Frederik in den verschiedensten Arztpraxen vor, ohne dass einer der Mediziner einen Rat gewusst hätte.

Die einen beschwichtigten die junge Frau, dass sich die Verhaltensauffälligkeiten schon mit zunehmendem Alter geben würden; andere Ärzte beschuldigten sie, ihrem Sohn zu wenig persönliche Freiheit zugestanden und ihn übermäßig behütet zu haben (auch bekannt als „Backofenmutter-Phänomen“). Nach der Begegnung mit einem besonders unsympathischen Psychiater, der eine Augenbinde als Therapie gegen Frederiks Neigung zu exzessivem Blickkontakt empfohlen hatte, wollte Daniela schon aufgeben, als eine Kollegin ihr schließlich den renommierten Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Hieronymus Schnibli empfahl, der nach einer intensiven Untersuchung mithilfe modernster Testverfahren die Diagnose stellte: Allismus.

Allismus ist eine schwere seelische Behinderung, die durch krankhafte neurologische Veränderungen im Gehirn ausgelöst wird. Die Betroffenen haben neben diversen Wahrnehmungsstörungen größte Schwierigkeiten mit eindeutiger Kommunikation und sind oft mit Konversationen in geschriebener oder Zeichensprache überfordert, können sich also fast nur in gesprochener Sprache ausdrücken, wobei es auch hierbei zu zahlreichen Problemen kommt.

Viele von ihnen versuchen, ihre kommunikativen Defizite über Tonusveränderungen der Gesichtsmuskulatur zu kompensieren, doch sind diese Versuche nur selten bei gesunden Menschen effektiv: Lediglich untereinander können die Betroffenen halbwegs zufriedenstellende Gespräche führen. Doch selbst unter Allisten kommt es wegen ihrer schwammigen Formulierungen häufig zu Missverständnissen, sodass sie vielfach auf Ratgeber zurückgreifen, um sich im Umgang mit anderen Personen sicher zu fühlen.

Das Hauptproblem der Allisten ist, dass sie oft nicht die richtigen Worte finden, um auszudrücken, was sie anderen mitteilen möchten. Vielfach sagen sie dann genau das Gegenteil von dem, was sie meinen, verwenden Metaphern oder absurde Beispiele und versuchen, ihr Gegenüber durch das Heben der Augenbrauen, Zuckungen der Mundwinkel oder die besondere Betonung einzelner Wörter dazu zu bringen, sich die eigentliche Bedeutung des Gesagten selbst herzuleiten. Werden sie nicht verstanden, reagieren Allisten meist sehr unwirsch.

Ihre massiven Einschränkungen in der Kommunikation erklären wahrscheinlich auch ihren Hang zu intensivem Blickkontakt als zusätzlichen Kompensationsversuch ihrer mangelnden Ausdrucksfähigkeit, jedoch ist dieses Phänomen noch nicht vollständig erforscht.

Lange nahm man an, dass allistische Menschen Gefallen an der individuellen Farbgebung der Iris ihres Gegenübers gefunden haben könnten, doch neuere Studien legen nahe, dass dieses Verhalten schlicht Teil ihrer Erkrankung sei. Allerdings hat diese Eigenart wohl auch eine kulturelle Komponente; während deutsche Allisten anderen sehr oft in die Augen sehen, ist dieses Verhalten beispielsweise in Japan sogar unter allistischen Menschen verpönt.

Die Abweichungen in der Art und Weise, wie Menschen mit Allismus die Welt wahrnehmen, zeigen sich allerdings nicht nur in der konstanten Suche nach Blickkontakt, die für einen gesunden Menschen gar nicht möglich wäre. Generell sind die Betroffenen außergewöhnlich abgestumpft gegenüber Reizen aller Art; das ermöglicht ihnen jedoch, in Teilbereichen Höchstleistungen zu erbringen. Ein allistischer Mensch kann sich sogar in einer belebten Umgebung auf einen oder mehrere Gesprächspartner konzentrieren, da er durch seine stark filternde Wahrnehmung Faktoren ausblenden kann, die für das Gespräch irrelevant sind. Dadurch entgehen den Betroffenen jedoch oftmals interessante Einzelheiten, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass die überwiegende Mehrheit der Allisten generell dazu neigt, die groben Umrisse einer Situation oder eines Bildes wahrzunehmen und viele wichtige Details zu übersehen, die es ihnen ermöglichen würden, logische Zusammenhänge innerhalb von einem oder mehreren thematischen Bereichen herzustellen. In ihren eigenen Worten gesprochen, sehen sie die (sprichwörtlichen) Bäume vor lauter Wald nicht.

Hiermit hängt auch ihre Unfähigkeit zusammen, einen Plan konsequent zu verfolgen, da wichtigen Details, die einen reibungslosen Ablauf gewährleisten würden, oftmals nicht die nötige Bedeutung zugemessen wird. So würde ein Allist es vielleicht schaffen, jeden Mittag ein Sandwich zu essen, jedoch kann es leicht passieren, dass er optische Kriterien vernachlässigt und sein Brot an einem Tag längs durchschneidet, am nächsten Tag aber einen diagonalen Schnitt setzt. Folglich ist der generelle Tagesablauf der Betroffenen völlig unstrukturiert und lässt tägliche Rituale vermissen.

Zwar sehen viele Allisten durchaus ein, dass der Mensch ein sogenanntes „Gewohnheitstier“ ist, d.h. eine natürliche Affinität zu Routinen und Gewohnheiten aufweist und die tägliche Wiederholung liebgewonnener Aktivitäten durchaus einen positiven Effekt auf Körper und Geist haben kann, jedoch hapert es oft an der Umsetzung.

Häufig kommt es vor, dass ein Plan zwar entworfen, aber nur teilweise oder schlimmstenfalls gar nicht eingehalten wird. Dies ist nicht nur belastend für die Betroffenen, sondern auch für Familie, Freunde und Bekannte, die die Haltlosigkeit, die Allisten in ihrem Alltag erleben, kompensieren und sie trotz ihrer Stimmungsschwankungen unterstützen müssen.

Psychologen vermuten, dass eng gesteckte Pläne Menschen mit Allismus wegen ihrer veränderten Wahrnehmung Unwohlsein bereiten, weil sie diese nicht als hilfreiche Struktur, sondern als Einschränkung empfinden. Versuche, die Erkrankten an einen klar geregelten Tagesablauf heranzuführen, waren bisher an Wutanfällen und Fluchtverhalten seitens der Patienten gescheitert.

All die Einschränkungen, mit denen Allisten tagtäglich zu kämpfen haben, stellen eine hohe Belastung für ihr soziales Umfeld dar. Oft werden die Betroffenen als sonderbar, aufdringlich, verlogen und empathielos wahrgenommen und überfordern ihre Mitmenschen durch ihre sprunghafte Art.

Zwar gibt es auch leichte Fälle, die es sogar schaffen, sich zeitweise auf ein bestimmtes Thema zu fokussieren und in Einzelfällen sogar rudimentäre To Do-Listen zu erstellen – jedoch warnen Experten eindringlich davor, Allismus zu verharmlosen oder gar als Normvariante zu betrachten.

Es ist nicht außer Acht zu lassen, dass es neben den Allismus light-Kandidaten, auch liebevoll „Asis“ genannt, ebenfalls Allisten mit schwersten geistigen Behinderungen gibt, die ihr Lebtag auf Hilfe angewiesen sein werden. Manche von ihnen benötigen sogar bei den einfachsten Tätigkeiten wie dem Essen oder dem Toilettengang Unterstützung, sodass man in diesen Fällen kaum von Lebensqualität sprechen kann.

Diesen Leitgedanken haben inzwischen viele gemeinnützige Organisationen aufgegriffen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Menschen mit Allismus die Hilfe zukommen lassen, die sie brauchen, um ein wertvoller Bestandteil der Gesellschaft zu werden und nicht länger in ihrer eigenen Welt voller Chaos gefangen zu sein.

Das berühmteste Beispiel hierfür ist der Verein „Allismus Schwadroniert“, der seinen Sitz in Ulm hat und eine der effektivsten Therapien fördert, die derzeit angewandt werden. Die Rede ist von dem „Anpassung durch Ableismus“ – Konzept (kurz: ADA), das mittlerweile auf der ganzen Welt begeisterte Anhänger gefunden und verzweifelte Eltern von ihrem Leid befreit hat.

Grundgedanke der ADA-Therapie ist es, unerwünschtes Verhalten zu eliminieren, indem Tendenzen zu Spontaneität und Unorganisiertheit mit Diskriminierung in Form von Entzug verschiedener Privilegien geahndet werden. Zusätzlich üben Therapeuten mit den Kindern mittels positiver Verstärkung eine differenzierte Ausdrucksweise ein. Das Ziel der Behandlung ist, dass die Patienten anschließend in der Lage sind, sich klar, deutlich und ohne Umschweife auf der wörtlichen Ebene auszudrücken, ihren Alltag mithilfe von Routinen zu strukturieren, Details und logische Muster zu erfassen und eine umfassendere Reizwahrnehmung zu entwickeln.

Idealerweise beginnen allistische Kinder so früh wie möglich mit der Therapie, damit den Eltern eine unnötige Leidenszeit erspart bleibt und sie baldigst ein normales Kind in ihren Alltag integrieren können.

Die Unterstützung durch das soziale Umfeld ist hierbei besonders wichtig, damit erwünschte Verhaltensweisen auch außerhalb des Therapieprogramms kontinuierlich gefördert werden. Den Eltern wird daher ausdrücklich empfohlen, Verwandte, Bekannte und auch die Lehrer des allistischen Kindes über seine Erkrankung und seine aktuellen Therapieziele zu informieren.

Studien haben ergeben, dass gerade Kinder, die über 40 Stunden in der Woche mit der ADA-Methode behandelt wurden, nachhaltige Veränderungen im Verhalten zeigten. Besonders das übersteigerte Kontaktbedürfnis zu anderen Menschen und der Drang, offensichtliche Umweltphänomene anzusprechen („Schönes Wetter heute“), sei Beobachtern zufolge signifikant zurückgegangen oder bei entsprechend jüngeren Patienten gar nicht erst aufgetreten.

Trotz der sehr hohen Erfolgsraten sind „Allismus Schwadroniert“ und die ADA-Methode jedoch nicht nur unter Menschen mit Allismus, sondern auch unter Experten, die sich eingehend mit der Thematik auseinandergesetzt haben und fundiertes Wissen über den Alltag mit Allismus erwerben konnten, in die Kritik geraten.

Einige Ärzte befürchten, dass die behavioristisch geprägte Therapie womöglich mehr Schaden als Nutzen bringt und die Kinder zwar irgendwann normgerechtes Verhalten zeigen, der Allismus sich aber nicht heilen lässt. Vielmehr halten sie es für möglich, dass allistische Kinder, die nach ADA therapiert wurden, einem signifikant höheren Risiko ausgesetzt sind, an Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu erkranken.

Dennoch herrscht unter Medizinern der Konsens, dass dringend mehr Hilfen für Allisten benötigt werden. Das Behandlungsangebot ist mehr als dürftig – und das bei wachsenden Diagnosezahlen.

Vor allem in den letzten Jahrzehnten ist die Anzahl der mit Allismus diagnostizierten Kinder dramatisch angestiegen. Sogar bei Jungen gab es einen deutlichen Zuwachs an Neudiagnosen, obwohl die Erkrankung nach wie vor öfter bei Mädchen vorkommt. Zudem werden zunehmend leichte Allisten oder Menschen mit allistischen Zügen nachträglich im Erwachsenenalter diagnostiziert, da vor allem Männer gelernt haben, ihre Krankheit zu verbergen, die zudem häufig wegen Schicksalsschlägen wie dem gefürchteten Männerschnupfen übersehen wird.

Als mögliche Ursache für die Häufung, die mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen hat, ziehen einige Ärzte mit homöopathischem Schwerpunkt sowie fachfremde Kinderbetreuer die Mehrfachimpfungen in Betracht. Und die Zahlen sprechen eine klare Sprache. „Über 90 Prozent der Menschen in unserem Land sind geimpft und 1 Prozent leidet unter Allismus. Da besteht ganz klar ein Kausalzusammenhang“, befindet Manfred Dosenbarsch, Autor und Drehbuchschreiber des Films „Wixxed“. Mit seinem Erstlingswerk will er die Umgebung für die Gefahren von Impfungen sensibilisieren. Er habe auch ein eigenes Werbebanner gebastelt, doch der Spruch „Lieber elendig krepieren, als nicht optimal zu funktionieren“ sei nicht so gut angekommen wie erhofft, erzählt er.

Dennoch wünscht er sich, dass so viele Menschen wie möglich seinen Film ansehen, den er mithilfe seines iPhones, seiner kleinen Schwester und ihrem Dr. Bibber-Set semiprofessionell im Hinterhof von Oma Brunhilde aufgenommen hat. Es sei wichtig, dass die Leute die Wahrheit erfahren, sagt er.

Damit meint er vor allem Leute wie Daniela, deren Welt eines Tages zusammenbricht, weil sie herausfinden, dass ihr Kind eine andere Wahrnehmung hat und vor anderen Herausforderungen steht als die Mehrheit; ergo, womöglich niemals ein normales Leben führen wird. Diese Aussicht ist beängstigend, sie bedeutet Ungewissheit. Wir fragen die sympathische Mittvierzigerin, wie sie als als Mutter eines an Allismus erkrankten Kindes mit dieser Problematik umgeht.

Daniela ist überraschend gefasst. Natürlich sei es zu Beginn schwierig gewesen, neue Strategien für ein harmonisches Zusammenleben und eine funktionierenden Alltag zu erarbeiten, sagt sie. Und dennoch sei sie davon überzeugt, dass Allismus einfach nur eine Variante der menschlichen Wahrnehmung ist und ihr Junge sein Leben mit ein wenig Geduld und Unterstützung problemlos meistern wird.

Behavioristische Therapien sieht Daniela jedoch eher kritisch. „Stellen Sie sich vor, wir wären in der Minderheit und die Allisten in der Überzahl. Bestimmt würden wir uns schrecklich fühlen, wenn man uns jegliches Mitspracherecht verweigern, uns ein unnatürliches Verhalten aufzwingen und einfach ohne uns entscheiden würde, welche Hilfen wir brauchen und welche nicht.“ Mit diesen Worten geht sie pünktlich wie vereinbart aus der Tür und verabschiedet sich mit einem Gruß. Frederick folgt ihr artig, wobei er jedoch kurz innehält, um den Mund zu verziehen und mit seiner rechten Hand hin und her zu wedeln, während er uns einen kurzen Singsang entgegenschmettert.

Vermutlich, finden wir später heraus, ist das seine Art, sich zu verabschieden.

Dolores Dumbič und das Karma des Schreckens

Dolores Dumbič – eigentlich hieß sie anders, aber wenigstens im Personalausweis wollte sie Doppel-D haben – war etwas ganz Besonderes. Nicht zuletzt deswegen, weil sie drei Viertel ihres Tages damit zubrachte, anderen Menschen zu sagen, dass sie etwas ganz Besonderes war; auch wenn so ziemlich alles, was sie tat, dagegen sprach.

Was Dolores an Authentizität abging, machte sie allerdings durch eine brennende Leidenschaft für Drama wieder wett und so staunten ihre Untergebenen mit weit geöffnetem Mund und sogen gierig jedes noch so kleine Detail ein, wenn sie wieder eine herzerweichende, allen Gesetzen der Logik trotzende Geschichte zum Besten gab. Ob sie sich nun nach einem Filmabend im Plot von „Plötzlich Prinzessin“ verloren hatte und ihn als Folge ihres Realitätsverlustes geschickt als ihren eigenen Lebenslauf verkaufte oder ob sie von einem mysteriösen Killerkommando in ihrer damaligen Krabbelgruppe erzählte und sich dabei auf den Inhalt des Horrorfilms „Grundschulgemetzel Teil 25“ bezog, den sie als Achtjährige zusammen mit ihrem besten Freund und ihrer unsichtbaren Freundin zusammen geschaut hatte (was allen Beteiligten nicht unbedingt gut bekommen war) – sie bewegte die Massen, wie kaum ein anderer es vermochte; die wenigsten davon allerdings zum Nachdenken.

Zudem hatte Dolores es sich über die Jahre zur Angewohnheit gemacht, den Pöbel, der einem obskuren Schwarm Fliegen gleich um sie herumschwirrte, nicht einfach nur zu studieren, sondern dessen emotionale Konstitution auch zu ihrer eigenen Unterhaltung zu nutzen.

Es faszinierte sie immer wieder aufs Neue, wenn Menschen, die sagten, dass sie ihnen etwas bedeutete, auf ihr gemeinhin als „asozial“ betiteltes Verhalten mit Unwohlsein reagierten, und wie ein kleines Kind lernte sie mit der Zeit, die richtigen Knöpfe zu drücken, um das Maximum an Action aus ihrem Spiel herauszuholen und zu erfahren, was sie wissen wollte – auch wenn man es ihr eigentlich schon mehrmals gesagt hatte.

Warum sollte man auch beispielsweise die Information, dass eine der bedauernswerten Kreaturen, die sie sich als „Freunde“ hielt, nach wie vor Gefühle für Dolores‘ Lieber-nicht-oder-vielleicht-doch-ach-nee-lass-mal-Toyboy hegte, einfach zur Kenntnis nehmen? Viel lustiger war es doch, die Flirttipps aus der Bravo zu lesen, sie in freier Wildbahn an ihm auszuprobieren und mit diabolischem Händereiben auf ihre Reaktion zu warten. So konnte sie live verfolgen, welches Unwohlsein Gefühle verursachen konnten, wenn auf ihnen herumgetreten wurde.

Doch hinter der perfekten Frankenstein-Fassade, die Dolores so akribisch hegte und pflegte, verbarg sich ein dunkles Geheimnis; ein Geheimnnis so unfassbar dunkel und fürchterlich, dass sie es seit Jahren in einer ausgepopelten Styroporkugel spazieren trug und seine Existenz leugnete.

Ihre Obsession mit sozialen Experimenten aller Art war nämlich der traurigen Tatsache geschuldet, dass sie im Prinzip keine Ahnung von menschlichen Emotionen hatte, weil sie als Kind dreimal hochgeworfen, aber nur zweimal aufgefangen worden war und der Aufprall die Synapsen, die für soziale Kompetenzen zuständig gewesen wären, in hohem Bogen aus ihrem ohnehin recht leeren Schädel befördert hatte. So blieben der Möchtegern-Monarchin leider nur ein zu großes Mundwerk und ein Ego, das sich einem Pfau auf Viagra gleich aufplusterte, um angemessen befriedigt werden zu können.

So etwas wie eigene Schwächen passte daher natürlich nicht in Dolores‘ Weltbild und wenn jemand am Ende herausgefunden hätte, dass sie im Prinzip nur eine aufgeblasene, machtbesessene Schnepfe war, die zum größten Teil erfundene Komplexe überkompensierte und ihr Ego damit pushte, sich in das Leben anderer einzumischen und so zu tun, als wäre sie ein erleuchtetes Superwesen und nur auf der Welt, um die armen, verlorenen Seelen ihrer Untergebenen zu retten und sie nach ihren Vorstellungen umzugestalten, hätte das einen Skandal apokalyptischen Ausmaßes verursacht. Dolores hätte eine solche Person vermutlich ihrer Persönlichkeit beraubt (oder das zumindest geglaubt), ihr über Umwege die Feindschaft erklärt und ein wichtiges Gesicht gemacht. Und niemand, der noch bei klarem Verstand war, das wusste sie, würde solch grausame Konsequenzen riskieren wollen.

So lebte Dolores Jahre und Jahrzehnte in ihrer selbst erschaffenen Illusion und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sich auch nichts an diesem Zustand geändert. Doch Fortunas Rad drehte sich unerbittlich weiter und so begann ihre kleine heile Welt, in der sie fleißig die Strippen zog, trotz ihrer ausgeklügelten Verschleierungstaktiken allmählich zu bröckeln.

Das außerordentlich talentierte Freizeitorakel, das zur Bestimmung zwischenmenschlicher Verhältnisse gerne mal in Suppenschüsseln abtauchte und die Farben, die sie durch den Sauerstoffmangel vor ihrem inneren Auge sah, mithilfe einer HTML-Tabelle analysierte, hätte vermutlich eine unvorhersehbare Diskontinuität in ihrem energetischen Flow als Ursache für die schleichenden Veränderungen herangezogen, doch hielten einige aufmerksame Beobachter die These für wahrscheinlicher, dass Dolores‘ Umfeld wegen deren Impertinenz und der Beharrlichkeit, mit der sie einen Bogen nach dem anderen überspannte, immer weniger Lust verspürte, sich mit ihrer Person zu befassen und ihren Erzählungen noch dazu kaum noch Glauben zu schenken schien, da selbst diejenigen, die verständlicherweise Probleme hatten, im Bezug auf Dolores objektiv zu bleiben, zunehmend unbeeindruckter wirkten, wenn Dolores wieder einmal mit einer skandalösen Horrorgeschichte aufwartete.

Bezüglich ihrer Erzählfreudigkeit gab es nämlich ein weiteres Problem für die freiberufliche Persönlichkeitsdesignerin- so waren nämlich bisher keine ihrer so dramatisch verkündeten Zukunftsvorhersagen eingetreten. Weder war sie zu ihrer Amtszeit als Undercover-Königin in Lampukistan angetreten, noch hatte sie ihre angeblich zugesicherte Stelle als Pop-Sternchen in Belgrad bekommen und so verdiente sie stattdessen ihre Panini damit, Tupperdosen auf dem örtlichen Gemüsemarkt zu veräußern.

Es konnte natürlich sein, dass Lampukistans Regierung plötzlich doch von einem explodierten Besen mit Größenwahn übernommen worden war, weil man Dolores für überqualifiziert gehalten hatte und dass sie inzwischen für die Dokumentationsserie „Schreibabys in Schwellenländern“ zu alt geworden war, aber dennoch war es verständlich, dass ihre Glaubwürdigkeit so rapide am Abnehmen war wie ein Biggest Loser-Kandidat mit Bandwurm.

Was also tun, fragte sich Dolores. Sie war schließlich etwas ganz Besonderes und so konnte sie es natürlich nicht auf sich sitzen lassen, dass die Menschen, derer sie sich so großmütig angenommen hatte, plötzlich anfingen, eigene Ansichten zu entwickeln. Das durfte einfach nicht passieren – was blieb ihr denn noch, wenn sie sich nicht mehr, mit der Begründung, zu helfen, in das Leben anderer einmischen konnte? Und warum funktionierte ihr eingebauter Manipulator nicht mehr?

Um diesen Fragen nachzugehen, tat Dolores etwas, was sie ihrem Gesundheitszustand zufolge eigentlich schon lange nicht mehr hätte tun können, da sie bei wahrheitsgemäßen Angaben schon vor ihrer Geburt an 29465 verschiedenen Krankheiten hätte verendet sein müssen: Sie besuchte einen Arzt.

Dr. med. Robin Haustängel war eine wahre Koryphäe auf seinem Gebiet. Berühmtheit hatte er vor allem dadurch erlangt, dass er noch vor Beendigung seines Studiums einen Patienten, der bereits als „hoffnungsloser Fall“ deklariert worden war, von einer hartnäckigen Infektion geheilt hatte und es ihm zudem noch gelungen war, die familiären Probleme seines Schützlings endgültig zu lösen.

Eigentlich hätte niemand von dieser heldenhaften Tat erfahren sollen, aber der beste Freund und Sekretär seines Patienten hatte es nicht lassen können, in dessen Abwesenheit die Werbetrommel für seinen Retro-Blog zu rühren und im Zuge dessen war auch seine Krankheitsgeschichte breitgetreten worden, was dem jungen Mediziner zu ungeahntem Ruhm verholfen hatte.

Worte wie Ruhm und Heldentum waren Musik in Dolores‘ Ohren – vor allem, weil sie diesbezüglich viele Worte, aber keine Taten vorzuweisen hatte – und so kam es, dass sie eines Tages vor den Toren seiner Praxis aufschlug.

Man könnte meinen, die größte Hürde wäre hiermit geschafft gewesen, doch wer geneigt war, dies zu glauben, hatte die Rechnung ohne Dolores und ihr erschreckendes Maß an Impertinenz gemacht.

Die selbsternannte Sozialforscherin schreckte nämlich nicht davor zurück, auch Dr. Haustängel in ihre kruden Experimente einzubinden und ihre einmalige Wirkung auf andere Menschen an dem nichtsahnenden Mediziner zu testen. So kam es, dass sie, anstatt das Praxisgebäude zu betreten, vor den Türen des Altbaus eine gejaulte Cover-Version von „Highway To Hell“ zum Besten gab und auf die Ermahnung des Teams hin anmerkte, dass sie nun einmal passiv sei und der Herr Doktor gefälligst seinen Hintern inklusive des Untersuchungszimmers zu ihr bewegen solle. Dies war natürlich nicht durchsetzbar, doch Dolores‘ wollte dies auch nach einer hitzigen Diskussion nicht einsehen, und so sah sich Dr. Haustängel gezwungen, einen Betäubungspfeil auf die renitente Patientin abzufeuern. Wie üblich verschätzte er sich jedoch massiv mit der Dosis und so gelang es dem Team, Dolores ohne Anwendung von allzu roher Gewalt in die Praxis zu befördern, was mit einer normalen Menge an Betäubungsmitteln kaum zu bewerkstelligen gewesen wäre.

Nach einer eingehenden Untersuchung, die den Mediziner sein gesamtes Equipment und beinahe alle seiner Nerven kostete, bekam Dolores schließlich die schockierende Diagnose: Sie litt an einem schweren Vitamin C-Mangel, der nicht nur die Erklärung für ihre absurden Halluzinationen lieferte, sondern auch dafür, dass alles, was aus ihrem Mund kam, mehr als faul war. Verantwortlich für den schweren Mangel war wahrscheinlich ihre Fleischdiät, die Dolores als Achtjährige begonnen hatte, da sie sich einbildete, das Magenvolumen einer Erbse zu haben und riesige Steaks im Seniorenmagazin „Dossier für Demente“ als Allheilmittel gegen jede erdenkliche Krankheit angepriesen wurden.

Eigentlich hatte Dolores absolut keine Lust auf eine medizinische Behandlung und hielt Ärzte grundsätzlich für Scharlatane, doch als Dr. Haustängel wortreich beteuerte, dass die unfassbare Ehre einer solchen Behandlung noch keiner Menschenseele vor ihr zuteil gekommen war, hatte er den schillernden Fisch am Haken und durfte ihr feierlich ein Rezept über eine Zitrone am Tag überreichen.

Dass sie die Zitrone auch zu sich nehmen sollte, versuchte der leidgeplagte Mediziner ihr jedoch vergeblich klarzumachen. Denn schließlich war Dolores etwas ganz Besonderes, und sie fand den Arzt zwar interessant genug, um für ein paar Minuten elementarste Höflichkeitsregeln zu befolgen, aber das hieß noch lange nicht, dass sie seiner Existenz oder gar irgendeinem seiner Worte auch nur die geringste Relevanz einräumte. Noch dazu würde der Konsum einer sauren Südfrucht in ihrem Fall womöglich an Kannibalismus grenzen und das war dann doch zu viel des Guten.

Und so kam es, dass Dolores die Zitrone zwar kaufte, aber sie lieber ihrem emotionalen Versuchskarnickel mit den bedeutungsschwangeren Worten „Ich bin das Leben“ in die Hand drückte und sie eindrücklich ermahnte, die Zitrone nicht für ein nostalgisches, Vitamin C – haltiges Heißgetränk zu verwenden, sondern Limonade für die allwöchentliche Teezeremonie herzustellen, was die gute Seele zwar insgeheim zähneknirschend, aber dennoch gewissenhaft erledigte, sodass sich Dolores mit erhobenem Haupt in ihre Festung zurückziehen und die nächsten vier Tage damit zubringen konnte, Pläne für die herannahende Zusammenkunft zu schmieden.

Irgendwie musste sie schließlich die Kontrolle über ihr Gefolge zurückgewinnen können. Es musste einfach einen Weg geben, die verirrten Seelen ein für allemal erkennen zu lassen, dass sie und nur sie alleine für deren Entwicklung und Persönlichkeitszusammensetzung verantwortlich war. Dolores konnte nicht zulassen, dass sie sich am Ende noch fragten, wer sie ohne ihr Oberhaupt waren, denn dann hätte sich Dolores eine Frage stellen müssen, die nicht einmal die neun rosa Pudelwelpen aus ihrer selbst verfassten Faust-Fanfiction hätten beantworten können; nämlich, wer sie eigentlich ohne die Leute in ihrem Dunstkreis war, die sich von ihr herumkommandieren ließen und warum sie ein solches Verhalten überhaupt nötig hatte.

Doch eigentlich, versuchte sie sich zu beruhigen, hatte sie gar nichts zu befürchten. Sie war schließlich routiniert darin, anderen Menschen ihre Persönlichkeit abzusprechen und sie, im festen Glauben, dass es das Beste für alle Beteiligten sei, nach ihren eigenen Vorstellungen umzuformen; so routiniert, dass die asoziale Lotterie „Unmensch in Aktion“ ihr schon längst ein Sponsor-Angebot unterbreitet hätte, wenn der Hauptsitz der Organisation nicht vor kurzem von wütenden Außerirdischen gekapert worden wäre.

Alles, was sie zu tun hatte, war im Grunde, das übliche Programm abzuspulen; ein wichtiges Gesicht zu machen und extensives Wissen über alles Mögliche, Unmögliche und Uninteressante vorzutäuschen.

Wahrscheinlich würden sie ohnehin wieder die meiste Zeit über die Eigenschaften sprechen, die sie mit fiktiven Charakteren teilten, sagte Dolores sich, und das war schließlich eine wunderbare Möglichkeit, sich auf möglichst aufgeblasene Art und Weise zu profilieren.

Figuren aus Büchern, Filmen, Serien und Spielen zu verkörpern, die Gemeinsamkeiten mit der eigenen Persönlichkeit aufweisen, ist in Rollenspielen gang und gäbe, doch weil Dolores etwas ganz Besonderes war, musste sie es auch hier wieder übertreiben.

Und so erfand sie die Legende, dass sie die Macht über die Persönlichkeit anderer habe und imstande sei, ihren „Gruppenmitgliedern“ fiktive Charaktere zuzuweisen, die reale Eigenschaften und Fähigkeiten der Mitglieder repräsentieren und als autonomer Anteil in ihre Persönlichkeit integriert werden sollten.

Dolores hatte natürlich auch hier nichts dem rosa Pudelwelpen Zufall überlassen und sich selbst immer Charaktere zugewiesen, die alle anderen in einem solch absurden Maße übertrafen, dass eigentlich keiner auch nur einen Schritt tun konnte, ohne vorher Dolores bzw. ihre fiktiven Persönlichkeitsanteile darum zu bitten, dies und jenes für einen zu erledigen, da keiner der Mitspieler irgendwelche nennenswerten Befugnisse hatte, die es ihnen möglich gemacht hätten, selbstständig eigene Charaktere zu entwerfen und den eigenen Wünschen gemäß auszuspielen.

Nur ein einziges Mal hatte sie je gegen diese eiserne Regel verstoßen – und damit einen folgenschweren Fehler begangen, der sie beinahe ihre Scheinexistenz gekostet hätte.

So hatte ein ehemaliges Mitglied fatalerweise einen psychologischen Detektiv zugewiesen bekommen und aufgrund dieser Modifikation die Fähigkeit erhalten, Unstimmigkeiten in Dolores‘ Geschwurbel zu entdecken. Natürlich hatte die zukünftige Operndiva sofort alle Register gezogen, die „Feretärinn“, wie sie Dolores‘ Sekretärin nannte, ins Exil verbannt und sich geschworen, ihrem Gefolge fortan nur noch unselbstständige, hilflose und naive Charaktere zu implantieren, die garantiert nichts hinterfragen würden – schließlich musste sie vorsichtig sein: Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn man auch noch dahinterkam, dass eigentlich kein himmlisches Cyankali durch Dolores‘ Adern floss, sondern die Möchtegern-Monarchin lediglich durch Herpesviren ab und zu eine besonders dicke Lippe riskierte…

Am letzten Tag vor dem Treffen saß Dolores schließlich mit einer Tasse Tee vor dem Fernseher und schaute zum wiederholten Male „Herr der Ringe“, als das Intro ihr ganz unverhofft eine spontane Eingebung bescherte. „Einen Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden“? Das war die Idee! Sie würde Spielzeugringe aus dem Automaten ziehen, sie in eine Mischung aus verschiedenen Küchenkräutern legen , mit ihren Mickey Mouse-Skatkarten segnen und sie am nächsten Tag feierlich ihren Jüngern überreichen. So würde sie es schaffen, ihre Untergebenen endgültig an sich zu binden und ihre sozialen Experimente ungehindert fortführen zu können. Und niemand würde jemals auch nur eines ihrer schmutzigen Geheimnisse aufdecken.

Voller Euphorie machte sie sich also ans Werk und besorgte vier Ringe mit Plastiksteinen in den Hogwarts-Farben, die sie in der Gruppe verteilen würde. Ihr Lieber-nicht-oder-vielleicht-doch-ach-nee-lass-mal-Toyboy würde Rot für Gryffindor bekommen, da sie ihn insgeheim für seinen Mut bewunderte, sich trotz ihres beinahe hysterisch anmutenden Verschwörungsgeschwurbels mit depersonalisierten Verrätern zu umgeben. Dem weißen Versuchskaninchen ihres großen Toyboy-Liebesexperiments widmete sie Blau für Ravenclaw, da sie wegen Dolores‘ Eskapaden öfter mal den Blues bekam und sich Halloween 2010 mit dem schlauen Erfinder Kowalski identifiziert hatte, als sie alle zusammen „Die Pinguine aus Madagaskar“ geschaut hatten. Und zu guter Letzt würde sie den Ring mit dem gelben Plastikstein feierlich dem Nesthäkchen überreichen, als Hommage an ihre Loyalität, da ihr Vokabular im Prinzip nur aus den Sätzen „Ja, genau“, „Ich hasse sie jetzt auch“, „Dein Wort reicht mir“ und „Die will meine beste Freundin umbringen!!1!11!!“ bestand und man, wären ihre Körperformen nicht gänzlich verschieden, Dolores‘ eifrigstes Sektenmitglied für ihren Schatten hätte halten können.

Sie selbst würde natürlich Grün für Slytherin nehmen, um die negativen Klischees des umstrittenen Hauses endgültig zu zementieren. Noch dazu war sie eindeutig diejenige mit dem meisten Ehrgeiz, der ja eine der zentralen Eigenschaften eines jeden Slytherins war. Wer sonst hätte wohl von sich behaupten können, schon als Kind Weltherrschaftsambitionen gehegt und darüber seine Nase behalten zu haben?

Mit diesem Gedanken legte sie sich an diesem Abend schlafen, voller Stolz über ihre geniale Erfindung und in wilder Vorfreude auf den finalen Schlag gegen jegliche mentale Selbstständigkeit. Wenn der Ring bei ihren Gruppenmitgliedern funktionierte, so hoffte sie, würde vielleicht auch niemand sonst ihrer Anziehungskraft widerstehen können. Wie viel einfacher das Leben doch wäre, wenn jeder Mensch sich von ihrer Weltanschauung überzeugen und die hohe Kunst der fremdgesteuerten Existenz lehren ließe… Ihr ganzer Alltag wäre erfüllt damit, unausgereifte Charakterzüge einem jungen Pflanzentrieb gleich einzutopfen und ihren Wünschen gemäß heranzuzüchten – so würde sie endlich nie wieder in die Verlegenheit kommen, sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern zu müssen.

Der große Tag brach an und der Gedanke an das bevorstehende Treffen versetzte die Herrin der Ringe in eine beinahe fröhliche Stimmung. Sie konnte sich gerade noch so davon abhalten, ihre Mundwinkel zu verziehen, denn mehr als ein schrilles, gekünsteltes Gekicher, das jeglicher Mimik entbehrte, war schließlich nicht standesgemäß. Dolores war immerhin etwas ganz Besonderes und so musste sie sich auch in dieser Hinsicht von allen anderen unterscheiden. So schwelgte sie also insgeheim in ihrer Freude und vergaß dabei, dass sie sich eigentlich 24 Stunden am Tag damit brüstete, keine Emotionen zu besitzen; das war allerdings nicht schlimm, da sie auch immer wieder wütende Proteste gegen Menschen, die nicht ihren Vorstellungen entsprachen, in ihre Vorträge einbaute und sich alleine damit schon massiv selbst widersprach. Dolores konnte sich glücklich schätzen, dass man ihr die wirren Geschichten bisher anstandslos abgekauft (oder schlichtweg nicht zugehört) und keiner den Mut gefunden hatte, sie darüber aufzuklären, dass Wut in der Tat auch eine Emotion war, denn diese Erkenntnis hätte sie wohl an den Rand des Wahnsinns getrieben – genauer gesagt, an den Rand, an dem der Wahnsinn endete und die Debilität anfing. Schließlich durfte niemand der Möchtegern-Monarchin widersprechen, und wenn sie durch eine Verschiebung im Raum-Zeit-Kontinuum zu dem Schluss gekommen wäre, dass sie im Prinzip genau das gleiche tat, hätte sie sich vermutlich ungefähr so gut zusammenreißen können wie Rumpelstilzchen.

Gerade war Dolores dabei, ihre heilige Suppenschüssel mit den psychedelisch wirkenden Inhalten einer drei Jahre alten Minestrone von außen zu polieren, als es an der Tür klingelte und ihre Getreuen unterwürfigst Einlass in ihr Reich der Albträume begehrten.

In einer übermäßig feierlichen und beinahe komödiantisch anmutenden Zeremonie verteilte das Orakel schließlich die Ringe an den tapferen Krieger, die engelhafte Elbin und den rüpelhaften Zwerg und schwurbelte nebenher über die neuesten Horrorfilme, die ihr Gehirn produziert hatte. Die drei lauschten ehrfurchtsvoll und hingerissen – zumindest schien es Dolores so, da sie immer noch nicht weggelaufen waren.

Dolores‘ Butlerpersönlichkeit servierte Tee und ein merkwürdiges Gemisch aus Keksen, Schokolade und Sahne, was die Elbendame angesichts der Massen an Fett und Zucker theatralisch vom Stuhl kippen ließ, doch selbstverständlich konnte Dolores auch hier Abhilfe schaffen und sprach gegen eine Bearbeitungsgebühr von 3 Euro und einer Lobeshymne einen Schwur, der die Zuckerkalorien aus den Süßigkeiten eliminieren sollte. Tatsächlich war dieser Zauber so effektiv, dass das Abnehmprogramm Saft Minus sich seit Jahren die Finger nach Dolores‘ Hokuspokus leckte und ihr schon einige lukrative Angebote gemacht hatte. Dass der Charakter-Frankenstein aus Leidenschaft jedoch abgelehnt hatte, war nur dem Umstand geschuldet, dass ein anderer Guru neben ihr nicht lange überleben würde und sie einfach keinen Platz mehr in ihrem Keller hatte, um eine weitere Ladung eingelegter Eingeweide in ihre Sammlung zu integrieren.

Allmählich schwenkte das Thema von Kalorien und Katastrophen zu Charakteren und Charisma über und Dolores konnte ihre Trumpfkarten voll ausspielen. Hier war sie in ihrem Element. Ausschweifend lamentierte sie über die Manifestation von Fähigkeiten in Nachbildungen von Oma Trudhildes Gymnastikbällen und wies ihren Schäfchen ein paar neue Persönlichkeits-Acessoires zu. Dankbar nickten ihre Schützlinge und besonders die Jüngste im Bunde nahm den Input, wie in jeder Lebenslage, sehr willig auf. Kurzum, alles klappte wie am Schnürchen. Mit geschwellter Brust und dem wichtigsten Gesicht, das sie jemals zustandegebracht hatte, setzte Dolores zu ihrem bislang größten Coup an.

Doch als sie gerade dabei war, zu erklären, warum sie dazu bestimmt war, die Welt zu beherrschen, geschah das Unfassbare. Aus der amorphen, homogenen Masse löste sich ein Bestandteil und sprach die gefürchteten Worte; die Worte, die Dolores‘ ganze Welt zusammenstürzen ließen wie ein Kartenhaus. Die Worte, vor denen sie sich so verzweifelt versucht hatte, zu schützen. Fünf Worte, die noch nie ein Mensch an sie zu richten gewagt hatte, erhoben sich mit drohender Gebärde aus der Kehle derjenigen, die doch die Unschuldigste von allen zu sein schien, und krachten mit einer Gewalt gegen die Monarchin, die ihnen nichts als einen überraschten Blick entgegenzusetzen hatte; erschütterten ihr Traumschloss in ihren Grundfesten und ließen alles, was sie sich so mühsam über Jahre aufgebaut hatte, zu Staub zerfallen.

Virginia sah von ihrem Teller auf und dachte nach. „Da bin ich anderer Meinung“, sagte sie schließlich und nahm einen Bissen von ihrem kalorienreduzierten Apfelstrudel, als Dolores vor ihren Augen ohnmächtig zu Boden sank.

Robin Haustängel saß in seinem Büro und dachte nach. Hatte es wirklich soweit kommen müssen? Eigentlich hätte er sich denken können, dass Dolores seine Anweisung nicht befolgen und die Zitrone verschmähen würde. Nachdem sie kollabiert war, hatte man sie zwar medizinisch versorgt, aber es stand zu vermuten, dass es wieder geschehen würde.

Er wusste, was für ein herber Schlag es für sie war, dass ihre Vormachtstellung infrage gestellt wurde. Zwar wirkte Dolores immer, als könne sie nichts aus dem Konzept bringen, doch er wusste, dass die Wahrheit eine ganz andere war. Sie mochte zwar alles in ihrer Macht stehende tun, um wie ein Buch mit sieben Siegeln zu erscheinen , aber wenn Robin eines aus der Vergangenheit gelernt hatte, dann, dass Erinnerungen – egal, ob wahr oder falsch – einen enormen Einfluss auf das gegenwärtige Verhalten eines Menschen hatten. So verbreitete sein damaliger Patient nun kryptische Texte über sein Familienleben im Internet, weil es, so sagte er, darauf nun auch nicht mehr ankäme, nachdem sich eine Vertrauensperson als unzuverlässig erwiesen hatte. Und Robin selbst konnte sich nun um einiges besser mit ihm identifizieren, weil ihm ebenfalls in Gegenwart einer Frau mit den Initialen D.D. öfter mal die Luft wegblieb und seine Ex-Freundin ihn vor einigen Jahren vor ein Tribunal gestellt hatte, weil er dem Irrglauben erlegen war, dass es eine gute Idee wäre, seine Beziehung mit einer gemeinsamen Freundin zu besprechen.

Dolores Dumbič hatte es zwar nicht mehr als hundertmal explizit ausgesprochen, doch es war leicht aus dem Kontext herzuleiten, dass sie in frühester Kindheit ein herbes Trauma erlebt haben musste. Ihre Geschichten ergaben zwar weder zeitlich noch inhaltlich Sinn, aber irgendeinen wahren Kern, dessen war er sich sicher, mussten ihre Erzählungen haben.

Doch was war nun wirklich geschehen? Es konnte alles gewesen sein. Kinder waren immerhin sehr sensible Geschöpfe und die trivialsten Ereignisse reichten aus, um in Verbindung mit einem verstörenden Film oder einem simplen Missverständnis eine Apokalypse in der Psyche eines heranwachsenden Menschen auszulösen.

Wenn er irgendwelche Anhaltspunkte gehabt hätte, wäre es ihm vielleicht möglich gewesen, zu helfen. Doch so konnte er nichts weiter tun als zuzuhören, zum x-ten Mal seine Loyalität zuzusichern und den Beschwerdebrief an Bahlsen für sie einzuwerfen, in dem sie sich über einen zerbrochenen Buchstaben in der Packung Russisch Brot beschwerte, die sie Ende November vor einigen Jahren erworben hatte.

Seufzend erhob sich der Mediziner und klopfte sich Kekskrümel von der feinen Anzughose, die er am Morgen extra aus dem Schrank geholt hatte.

Jetzt noch einen starken Rosmarintee, sagte er sich, dann würde er schlafen gehen. Es war ein anstrengender Tag gewesen…

Falls Sie sich selbst oder Ihnen bekannte Personen in dieser Satire wiedererkennen sollten, wenden Sie sich bitte an den rosa Pudelwelpen „Zufall“.

Kleine Frisurenimprovisation. 

Heute war ich mit einer Freundin in der Stadt verabredet und kam beim Stylen durch Zufall und Herumprobieren auf eine simple, aber irgendwie coole Frisur:

 

Dazu habe ich einfach nur einen Pferdeschwanz gemacht, eine Strähne abgeteilt und um den Pferdeschwanz gewickelt, das Ende unten am Hinterkopf festgeklammert und die Strähne ein wenig aufgelockert, damit sie tiefer und in mehreren Lagen sitzt. 

Wenn Interesse besteht, mache ich gerne noch ein Bilder-Tutorial. :3 

P.S.: Beachtet das grüne Haarband nicht ^^ wie gesagt, es war spontan. 😀 

Wider die Fettlogik „Jetzt ist es eh egal“.

Diese 5 Worte haben schon sehr viele meiner Abnehmversuche sabotiert. Das allseits bekannte „Jetzt ist es eh egal“- Schlupfloch, in dem man sich nach einem Extrakeks mit einem halben Familieneinkauf und vollen Backen verschanzt und an den nächsten Tag denkt. Denn der heutige Tag ist ja sowieso versaut. Eigentlich wollte man ja nur einen Keks essen, oder ein bestimmtes Ernährungskonzept einhalten, in dem Kekse gar nicht vorgesehen sind, oder nach 18 Uhr keine Kohlehydrate essen, oder oder oder… aber diese fiese Keks ist einfach angeschlichen gekommen, in den Mund gewandert und hat den ganzen Tag versaut. Lieber morgen noch mal auf einem neuen, weißen Blatt Papier anfangen, das nicht mit Kekskrümeln übersäät ist. Hm, da ist noch ein Rest Pizza im Kühlschrank… und dann kann ich ja noch einen Keks essen, jetzt ist es eh egal, und morgen wird ohnehin alles anders. Morgen…

Der Knackpunkt ist aber, dass es beim Abnehmen auf die Kalorien ankommt, und zwar wirklich nur auf die Kalorien. Nicht auf irgendwelche komischen Abnehmregeln nicht auf die Art und Zusammensetzung der Kalorien, sondern nur darauf, wie viel man verbraucht und wie viel man zu sich nimmt. Anhand dessen betrachtet, wäre es totaler Unfug, den ganzen Tag „hinzuwerfen“, weil man zu seinen 3 trockenen Salatblättern noch einen Keks gegessen hat. Es ist generell Unfug, denn jede Kalorie zählt. Gerade die Verfressenen unter uns, zu denen ich auch zähle, sagen ja dann nicht „ok, dann esse ich heute auch noch beim Abendessen mit, es gibt sowieso mein Lieblingsessen“ und kommen dann eben auf 1700 statt 1000 Kalorien, sondern oft legt sich ein Schalter im Kopf um, sodass alles vertilgt wird, was einem gerade vorschwebt, denn heute zählt es ja sowieso nicht mehr. Als hätte ein popeliger Keks alle Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Ich kam bei solchen Aktionen mit Leichtigkeit über meinen Tagesbedarf. Und obwohl ich es nach der Lektüre von „Fettlogik überwinden“ eigentlich besser wusste, rutschte ich doch noch öfters in diese Denkweise hinein.

Aber eines Tages ließ ich mir das Credo „Jede Kalorie zählt“ mal auf der Zunge zergehen und kam auf eine Idee. Ich rechnete aus, wie viele Kalorien ich verbrauchen muss, um 20 Kilo abzunehmen und kam auf 140.000 . Dann hängte ich mir eine Liste ins Zimmer und trug dort ein, was ich an diesem Tag eingespart hatte. 140.000-500 = 139.500. Es war toll, diesen Erfolg schwarz auf weiß zu sehen, und so machte ich dann weiter. Inzwischen bin ich bei 128.200 Kalorien: Kalorienliste

Ich runde generell immer sehr großzügig nach unten, was die Differenz angeht. Wenn ich also 750 Kalorien aufgenommen habe, dann runde ich auf 800 auf und trage als Differenz zum Tagesumsatz (1900 kcal) 1100 in die Liste ein. An Tagen, an denen ich nicht zähle, aber „normal esse“ (d.h. zu viel esse, weil ich mich generell mit Mengen verschätze) trage ich 300-500 kcal als Plus ein. Für vorgestern, gestern und heute habe ich deshalb 1000 Kalorien addiert. Entweder, um das Ergebnis nicht zu verfälschen, oder bestenfalls, um Reserven für das obligatorische „Wasserkilo“ zu haben. Sprich, dass ich dann vielleicht etwas mehr als 140000 Kalorien spare und dann in meinem Zielgewichtsbereich bleibe, wenn ich wieder mehr esse und die Kohlenhydratspeicher wieder voller sind.

In der zugehörigen Facebookgruppe („Abnehmen ohne Mythen-Fettlogik überwinden“) ist meine Idee gut angekommen bzw. hat schon ein paar Leuten geholfen, deshalb teile ich sie hier mit euch und hoffe, dass ein paar von euch auch etwas daraus mitnehmen können. Denn ein Extrakeks ist eben kein Weltuntergang, sondern vielleicht mal 300 Kalorien mehr im Tagesfazit, was sich am nächsten Tag locker wieder ausgleichen lässt. Und ich finde es schön, am Abend eine Ersparnis notieren zu können (und wenn es nur 100 Kalorien sind!) und zu sehen, dass ich meinem Ziel ein kleines Stück näher gekommen bin.

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Schreibprobleme.

Erst vorgestern Nacht ist es mir bei meinem „EDNOS und Fettlogik“-Beitrag wieder ganz extrem aufgefallen. Das Schreiben ging an sich relativ zügig von der Hand, aber danach saß ich noch locker eine Stunde da, ging jeden Satz x mal durch, schob Worte hin und her und editierte dann noch 10 Mal nachträglich irgendetwas, was mir doch noch aufgefallen war, nachdem ich eigentlich dachte, ich wäre fertig.

Bei mir hängt es damit zusammen, dass ich Worte seit jeher auf die Goldwaage gelegt habe, und manchmal artet das in einen regelrechten Kampf der Synonymtitanen aus: Was passt besser zu meiner Aussage? „Gewiss“, oder „Bestimmt“? Welche Worte habe ich schon öfters benutzt, sprich, sollte ich lieber vermeiden? Will ich andeuten, dass bei einem Sachverhalt Gewissheit besteht, oder einfach nur die Plausibilität einer Aussage einräumen, bevor ich zu einem Gegenargument überleite? Wie liest sich der Text, stolpert man vielleicht beim Lesen über eine Formulierung, die den Satzfluss hemmt? Fragen über Fragen.

Für mich ist das Schreiben ein wenig mit einem Eintopf vergleichbar, in dem Sinne, dass alle Einzelheiten aufeinander abgestimmt sein müssen, damit es dem Leser „schmeckt“. Wenn man etwas Greifbares herstellt oder entwirft, kombiniert man ja auch nicht einfach alles Mögliche, ohne zu schauen, ob es überhaupt zweckdienlich ist, und ob das Endergebnis stimmig ist. Abrupte Stilbrüche wecken in mir immer die Assoziation einer Bad Taste-Party auf Papier. Als würde jemand sich schick machen wollen, sich in eine edle Anzughose zwängen, dann aber Lust auf etwas Peppiges haben und einen pinken Pullover mit lila Glitzerherzchen über den Kopf ziehen. Wenn man mit einem plötzlichen Bruch im ansonsten relativ gleichförmigen Schreibstil eine Kernaussage in seinem Text unterstreichen will, kann ein auf den ersten Blick unpassender Begriff auch das Salz in der Suppe sein und den Text für den Leser interessanter gestalten, aber selbst dann misslingt es oft genug. Gerade wenn sich Sprachregister vermischen, kann es zwar einen humoristischen Effekt haben, aber vor allem Anfänger riskieren, die Qualität des Geschriebenen dadurch zu mindern, weil Pimmel der Grat zwischen einem Signalwort, das einen aufmerken lässt, und einem irritierenden „Bruch“, der einen im Lesefluss stört, doch sehr schmal ist.

Auch wenn es daher wichtig ist, nicht einfach unbedacht draufloszuklieren (es sei denn, man hat von Natur aus ein unglaubliches Talent und ein automatisches Gespür für Worte und/ oder jahrzehntelange Erfahrung), kann man sich doch auch leicht verzetteln, wenn man allzu pingelig auf seine Beiträge schaut. Für gewöhnlich ist man oft viel kritischer mit sich selbst, als andere Leute es sind, und verbeißt sich leicht in Kleinigkeiten, die dem Leser womöglich gar nicht auffallen. Deshalb, und auch, weil man häufig eine weniger objektive Sicht auf seinen Text hat, als Drittpersonen, läuft man Gefahr, wirklich korrekturbedürftige Punkte zu übersehen. Deswegen hilft es mir immer, noch eine zweite Meinung einzuholen.

Bei einem Blog, den man ja in erster Linie für sich selbst schreibt, mag das auf den ersten Blick weniger relevant sein, aber ich sehe die Beiträge hier auch als Übung an, da ich mir gut vorstellen kann, das Schreiben in einen zukünftigen Beruf miteinzubeziehen.

Seid ihr auch eher pingelig beim Schreiben, oder mehr der spontane Typ? ^^

Schreiben

Rezept: Vollkorn-Veggie-Burger :3

Heute morgen wachte ich auf und hatte unglaublichen Appetit auf Burger. Weil die Exemplare, die man so auf der Straße bekommt, nicht wirklich satt machen und man auch nicht sicher sein kann, was da so alles drin ist, habe ich mir eine leckere Alternative überlegt, und dies ist das Ergebnis:

omnomnom

Falls ihr jetzt Appetit bekommen habt, hier ist mein Rezept:

1 Vollkornbrötchen

3 vegetarische Mühlenfrikadellen (Buletten aus Fleisch esse ich eigentlich nur selbstgemacht oder im Restaurant)

1-2 Scheiben Schmelzkäse für Toast

ein paar Scheiben Tomaten

ein paar Scheiben Zwiebeln

1 Blatt Salat

sonstige Zutaten nach Geschmack

2 TL Ketschup

1 TL Senf

Zubereitung:

Die untere Brötchenhälfte mit den Frikadellen belegen (es empfiehlt sich, sie einmal durchzuschneiden^^). Darüber den Käse legen und bei Oberhitze und 180 °C  5-10 min. grillen. Letztendlich ist es egal, wie man das mit den Hälften macht, da die obere Seite des Brötchens aber oft rund ist, fand ich es praktischer, die untere Hälfte zu belegen und  in den Ofen zu tun.

Währenddessen Tomaten, Zwiebeln und Salat schneiden, die obere Brötchenhälfte mit Ketschup und Senf bestreichen und anschließend belegen. (Pro-Tipp: Die verbleibende Grillzeit kann man zum Aufräumen nutzen :D)

Die untere Brötchenhälfte aus dem Ofen holen und auf die zweite legen. Dann den Burger umdrehen. Fertig!

Natürlich kann man die Zutaten beliebig erweitern oder austauschen. ^^

Mein Burger hatte 600 Kalorien, weil mein Brötchen doppelt so groß war wie geplant und ich dann noch eine zweite Scheibe Käse brauchte (ansonsten wäre ich auf ca. 400 Kalorien gekommen). Eine wirkliche Kalorienersparnis zu Burgern in freier Wildbahn ist es nicht unbedingt, aber dafür macht die Vollkornvariante um einiges satter, wodurch man auch Kalorien einsparen kann, und schmeckt mir persönlich besser.